Sonntag, 28. Oktober 2007

Sonntäglichkeit

"...und ich weiß nicht genau ob es so etwas gibt und ob es an der Zeitumstellung liegt." (Tocotronic)

ROM-NASZ-APARAT-053

Es ist Sonntag. Niedziela. Während ich den Tag damit beginne mir das polnische Wort ins Gedächtnis zu rufen,ärgere ich mich, dass es so gar nicht in meine Vorstellung eines Sonntags passt. Es hat etwas negatives an sich, das "nie" als ewige Verneinung vor sich herschiebend.

Der Tag hat zwei Stockwerke unter mir in der Kirche des hlg. Ignatius Loyola, schon längst begonnen. Der Plan in dem Hostel neben der Kirche verkündet für heute sieben Messen. Für Rentner, Familien, Kinder und Studenten gibt es spezielle, als gälte es die Zielgruppen des weltlichen Konsums auch hier sauber von einander zu unterscheiden. Die ul. Wincentego Stysia ist an diesem Morgen von vielen Menschen bevölkert, die in die große aus Stahlbeton und Ziegelsteinen errichtete, Kirche strömen. Die Ströme der Besucher lösen einander ab. Hinein und hinaus. Ehrfürchtig die Heraustretenden, ungeduldig vor Kälte die Hereinströmenden.

Zwei Stockwerke sind es also und doch scheint es mich nicht zu betreffen. Zwischen mir und dem sakralen Bau befinden sich zwei verschlossene Türen und ein Fahrstuhlschacht der nie einen Fahrstuhl in mein Stockwerk getragen hat. Es bleiben nur die mystischen Klänge der Orgel und des Gesanges von Kinderstimmen, die frommes Gotteslob zur Melodie von Britney Spears's ''Hit me baby one more time'' singen. Natürlich nicht ohne entsprechende Beliebtheit.

Das besondere des Sonntags ist seine Zeitlosigkeit. Vielen ist er ein nicht enden wollender Morgen. Dieser Sonntag sieht dazu noch den Gewinn einer Stunde. Das Ende der Sommerzeit. So beginne ich mit dem Ritual der Uhrenumstellung und freue mich jedes mal von neuem eine Stunde gewonnen zu haben. Eine Stunde, die mir sagt, dass es noch nicht zu spät ist.

Die Zeit ist also in der Nacht stehengeblieben. Die Bauten des alten Breslau stört das nicht. Ihnen ist die Zeit schon längst stehengeblieben. Sie zeugen von Jahrhunderten und stehen manchmal verloren als Verkehrsinseln inmitten des Aufbruchs des jungen Wroclaws.
In den großen Einkaufszentren der Haupstadt Niederschlesiens spielt die Zeit nur selten eine Rolle. Die Wroclaw Arkaden, die Galeria Dominikanska und die Pasaż Grunwaldzki nehmen die morgendlichen Kirchengänger auf, verschlucken sie und lassen sie lange nicht mehr gehen. Auch wenn diese Stadt am Sonntag fast immer einen streifen Sonne für seine Bewohner und Bewunderer übrich hat, rücken ihn die riesigen Bauten des letzten Jahrzehnts ins rechte Licht. In ihm sind Tag und Nacht, Werktag und Sonntag nur Begriffe, die die Gleichfömigen mit sich hineinschleppen.

Ich werde mich an diesem Tag nicht der Versuchung der alltäglichen Massen hingeben. Ich werde diese Stunde wie ein Juwel bei mir tragen und Gedanken um Gedanken damit verbringen mir diese Stunde einzuteilen, sie zu schützen und mir zu widmen.

Draußen in den Straßen Vratislavias gibt der Stadtverkehr nicht nach. Ob nach Warschau oder in die Vorstadt, er rollt nicht ohne mindestens einen kleinen Polski Fiat mit sich zu führen, die Powstancow Sląskich hinunter, am sowjetischen Kriegsdenkmal vorbei, den flachen Ebenen Schlesiens entgegen.

An die Oder! Der Dom mit seinen Türmen. Versteinerte Kardinäle. „Wir vergeben und bitten um Vergebung”. Die ständige Anwesenheit des polnischen Papstes. Werbung von 'Radio Rodzina', dem Familienradio das wohl 'Radio Maria' vergessen machen soll.
Also ein Sonntagsausflugsziel. Die Tramwaj bringt mich hin. Von der Straße des großen Marschalls Pilsudskiego bis zur Hala Targowa sind es 8 Minuten. Ich könnte laufen, doch die ewige Spannung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, die auf dem Weg dorthin herrscht, würde meine Aufmerksamkeit völlig verbrauchen. Die Tramwaj ist alt, laut und blau . Mit den EU-Geldern tauchten auch neue auf, doch sie scheinen diese Wege nicht zu kreuzen. Alle tragen sie stolz das Stadtwappen, das Breslau und Wroclaw miteinander verbindet. Ein Zloty kostet die Fahrt, wenn ein Automat in der Nähe ist. Rappelnd geht es über die Swidnicka an der Oper vorbei die Teatralna entlang. Von der alten Markthalle (Hala Targowa) führt eine schmale Eisenbrücke über einen Arm der Oder bis zum Eingang der "Heiligen Maria auf dem Sande".
An die Kirche schließt eine kleine Kapelle an und in ihr befindet sich eine Weihnachtskrippe, gebastelt aus Alltagsgegenständen und Spielzeug. In ihrer Mitte, neben einem rosa Hasen , der sich ständig um seine eigene Achse dreht, steht mit gütig erhobener Hand die Figur Johannes Paul des Zweiten. Ich erinnere mich an meine Stunde und bleibe ein wenig vor diesem kuriosen Bild sitzen. Ich weiss nicht, wie ich mich verhalten soll. Die Krippe lässt mich mit kindlicher Faszination schmunzeln, doch der strenge Blick der Nonne, die diese Szenerie sitzend überwacht und die Ehrfurcht mit der sich die anderen Besucher vor der Figur der Jungfrau Maria bekreuzigen, irritieren mich.

Nov-2007-024

Meine Stunde und ich ziehen weiter. Über den Boulevard Drobnera an der Oder entlang. Mit Blick auf die barocke Universität und das Ossolineum sitzen dort die anderen Sonntagsspaziergaenger, meist in Paaren und in dicken Jacken der herbstlichen Kaelte trotzend. Die Bänke sind lang und aus warm lackiertem Holz. Zwei Freunde, Kollegen, Verliebte oder Bekannte können sich hier bequem hintereinander lang machen ohne die Nähe des Anderen allzusehr spüren zu müssen und sich mit einem Blick in den Himmel zu vergessen. Hier bleibe ich mit meiner Stunde und breite sie und mich aus. Bis es dunkel wird. Das ist früh und heute früher.
In einem Song von Element of Crime heißt es als Liebeserklärung: "Seit ich dich kenne mag ich es gern wenn der Winter kommt. Dann wird's früher dunkel." So kann man es auch mit dieser Stadt halten, die mit ihrem warmen Licht die Ufer der Oder und den verzauberten Rynek beleuchtet. Dort wo der Unterschied zwischen Tag und Nacht endlich Bedeutung erlangt.

Als ich zurück bin, in meinem Zimmer, singen unter mir Studenten als Letzte ihre Kirchenlieder. Ich denke noch einmal an die Stunde. Vielleicht lässt sie sich in den nächsten Tag retten und bleibt noch ein wenig bei mir.
Als Niedziela. Sonntag.

Aktuelle Beiträge

nur ein alter Song...
andrzej kruzel - 4. Sep, 22:54
Fading out
Es wird leiser. Element um Element verabschiedet...
andrzej kruzel - 2. Sep, 14:01

Zufallsbild

P1000233

Verlesenes

Andrzej Stasiuk
Die Welt hinter Dukla

Orhan Pamuk
Das schwarze Buch

Verhoertes

Tocotronic
Kapitulation

Versehenes

Am Ende kommen Touristen

Zwei Tage in Paris

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Suche

 

Status

Online seit 6826 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 3. Dez, 23:17

Credits


Profil
Abmelden
Weblog abonnieren